07.05.2008 - Aktuelles aus den Centren

Sex brennt - Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft und die Bücherverbrennung

Kunst und Dokumente im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité

Plakat zur Ausstellung Sex brennt

Plakat zur Ausstellung "Sex brennt"

Im Mai 2008 jährte sich die Bücherverbrennung zum 75. Mal, aus damaliger wie heutiger Sicht ein für das gesamte geistige und kulturelle Leben Europas folgenreiches Ereignis. Aus diesem Anlass wird am Beispiel des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld die inszenierte Auslöschung humanistisch-liberaler Denktraditionen einschließlich ihrer politischen und kulturellen Repräsentanten durch die Nazis dargestellt.

Magnus Hirschfeld (1868-1935) ist eine Schlüsselfigur der gesellschaftlichen Modernisierung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Sein 1919 in Berlin-Tiergarten gegründetes, weltweit einzigartiges Institut für Sexualwissenschaft war eine Institution von großer Anziehungskraft (Aufklärung, Behandlung, Beratung) und bildete das sexualpolitische Zentrum der Weimarer Republik. Das Hirschfeld-Institut war eine der ersten Einrichtungen, die von den Nazis nach der Machtergreifung als sittenwidrig gebrandmarkt, geplündert und geschlossen wurden. Die Institutsplünderung am 6. Mai 1933 durch Studenten der Hochschule für Leibesübungen und der Tierärztlichen Hochschule ist der medien-wirksam inszenierte Auftakt zur Bücherverbrennung durch die Deutsche Studentenschaft. „Bei Magnus Hirschfeld wird ausgeräumt“, titelte die Tagespresse.

Während des Aufmarschs zur Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933 schwankte „der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds [...] auf einer langen Stange [...] hoch über der stummen Menschenmenge“. Das schrieb Erich Kästner, dessen Bücher ebenfalls verbrannt wurden, als Augenzeuge. Die Worte illustrieren Hirschfelds Indienstnahme als ideologische Hassfigur. Seine Schriften wurden zusammen mit denen Sigmund Freuds unter dem Feuerspruch „gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens“ in die Flammen geworfen.

Die Ausstellung „Sex brennt“ verfolgt ein Konzept, das künstlerische und didaktische Darstellungen verknüpft: In fünf, jeweils eigenständigen künstlerischen Arbeiten werden Positionen formuliert, die sich in spezifischer Weise mit Aspekten von Hirschfelds Werk, seiner Person und der Bücherverbrennung aus heutiger Perspektive befassen. Dafür wurden sieben international renommierte KünstlerInnen gewonnen. Auf der informativ-didaktischen Ausstellungsebene wird mit reichlichem Bildmaterial, Objekten und Büchern aus dem Institut und aus Hirschfelds Besitz ein thematischer Rahmen gespannt, der die Inhalte und Konfliktfelder sexualwissenschaftlicher und -politischer Tätigkeit Magnus Hirschfelds absteckt.

Dabei handelt es sich um genau jene Themen, aus denen die Nazis im Vorfeld der Bücherverbrennung das Feindbild ‚Magnus Hirschfeld' konstruierten. Weiterhin wird die Installation einer historischen Arbeit zu seinem Gästebuch aus der Emigration von Marita Keilson-Lauritz gezeigt, die Hirschfelds Rolle als Intellektueller und Wissenschaftler im schweizerischen, später französischen Exil thematisiert.

Die sachbezogenen wie die künstlerischen Darstellungsebenen gehen einerseits der Frage nach, warum gerade Hirschfeld und sein Institut eine so herausragende Zielscheibe für die Aktion „wider den undeutschen Geist“ abgaben, andererseits machen sie die durch Plünderung, Zerschlagung und Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft und die Verbrennung der Bücher entstandenen Verluste deutlich. Das Ereignis der Bücherverbrennung wird beispielhaft in den konkreten Bezug von Hirschfelds Schaffen gestellt. Form und Inhalt der Ausstellung knüpfen also an eine Erinnerungskultur an, reaktivieren aber darüber hinaus Vergangenes für das heutige kulturelle und politische Bewusstsein.

Teilnehmende KünstlerInnen:
Arnold Dreyblatt (New York),
Pauline Boudry und Renate Lorenz (Lausanne, Berlin),
Henrik Olesen (Kopenhagen),
Ulrike Ottinger (Berlin),
Eran Schaerf und Eva Meyer (Tel Aviv, Berlin)

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