GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung

„Der Anfang war eine feine Verschiebung in der Grundeinstellung der Ärzte. …“

So urteilte 1947 der aus Deutschland vertriebene Neurologe und Sachverständige des Nürnberger Ärzteprozesses Leo Alexander (1905 – 1985) – eine Aussage, die angesichts moderner Ideen von der Beherrschbarkeit und Vervollkommnung des menschlichen Körpers mit medizinischen Mitteln weiterhin zur Wachsamkeit auffordert.

In Deutschland und insbesondere in Berlin sind der deutschen Vergangenheit zahlreiche Denkmäler gewidmet. Mit Blick auf die Wissenschaft während der Zeit des Nationalsozialismus haben sich aber bisher nur einzelne Institutionen (z. B. Max Plank Gesellschaft, Robert Koch Institut) ihrer Vergangenheit gestellt und diese systematisch aufgearbeitet.

An der Charité existiert bislang kein sichtbarer, zentraler Ort des Gedenkens und trotz einiger Ansätze blieb bislang auch die historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit Stückwerk. Vor diesem Hintergrund ist das Projekt „GeDenkOrt.Charité“ dringlich und soll eine lang bestehende Lücke in der Erinnerungskultur schließen, die so wichtig ist für die gegenwärtige und zukünftige Identität dieser traditionsreichen Institution.
Die Charité als international hoch angesehene Universitätsklinik, an der Ärzte und Wissenschaftler auf Spitzenniveau forschen, heilen und lehren, Studierende ihre Ausbildung erhalten und ihr Wissen weiter tragen, muss hier deutlichere Maßstäbe setzen.

Es ist ein zentrales Anliegen der Charité, mit der Einrichtung eines auf dem historischen und damit authentischen Campus in Berlin Mitte zu schaffenden „GeDenkOrt.Charité“ zum Thema „Wissenschaft in Verantwortung“ eine auch öffentlich wahrnehmbare Haltung zum Ausdruck zu bringen. Die universitäre Medizin soll konkret darauf verpflichtet werden, sich in Forschung, Lehre und Krankenversorgung mit der nationalsozialistischen Geschichte der Charité auseinanderzusetzen. Zur Zeit des Dritten Reiches folgten große Teile der Ärzteschaft und des pflegenden Personals bereitwillig den Paradigmen des herrschenden Regimes. „Nicht-arische“ und politisch missliebige Kolleg_innen wurden geächtet, entlassen und vertrieben. Das Empfinden für kollektive oder individuelle moralische Verantwortung kollabierte, was zu einer weitgehenden Auflösung ethischer Grundlagen verantwortungsvoller medizinischer Betreuung und Wissenschaft führte.

Erinnern und Gedenken sind jedoch kein Selbstzweck. Wer sich seiner Vergangenheit vergewissert, tut dies um der Gegenwart und Zukunft willen. Hier geht es um nichts Geringeres als die Würde des Menschen, die gestern, heute und morgen unantastbar sein sollte. Dies gilt auch und in besonderem Maße in der Medizin und in Krankenhäusern als Orte körperlicher wie emotionaler Verletzbarkeit. Patient_innen befinden sich hier in Situationen, in denen sie die Kontrolle über Körperfunktionen an Andere übergeben, Situationen welche ein hohes Maß an Vertrauen und Sensibilität erfordern. Die medizinische Betreuung im Krankenhaus und die universitäre, wissenschaftliche Forschung finden nicht in einem moralfreien Raum statt. Untersuchungen, Studien und Experimente im Namen der medizinischen Wissenschaft müssen daher immer unter Gewährleistung moralischer Integrität durchgeführt werden.

Der „GeDenkOrt.Charite“ soll über Rituale hinausgehen und offene, andauernde und nachhaltige Diskurse zum Thema „Wissenschaft in Verantwortung“ ermöglichen. Kritische Reflektionen und Analysen sollen nicht auf Gremien und Arbeitsgruppen beschränkt werden, sondern den Alltag all derer durchdringen, die unablässig um die Verbesserung der medizinischen Versorgung bemüht sind. Sie sollen damit auch die Grundlagen einer ethisch verantwortungsvollen medizinischen Ausbildung, Wissenschaft und Praxis bilden.

Man könnte meinen, diese Aussagen seien überflüssig angesichts der heutigen medizinischen Landschaft, die sich durch Qualitätssicherung, auf Evidenz basierende Therapiemethoden, ethisch einwandfreie klinische Studien und einen umfassenden Katalog grundlegender Sicherheitsvorkehrungen auszeichnet. Und doch müssen wir nur einen Blick auf unsere jüngere Geschichte werfen, um zu sehen, dass dies nicht immer der Fall gewesen ist, und dass wir auch heute stets wachsam und reflektiert bleiben müssen, um eine gewissenhafte und nachhaltige "Wissenschaft in Verantwortung" zu gewährleisten.

„GeDenkOrt.Charité“ ist ein großes Vorhaben, das aus mehreren Komponenten besteht, die von der Gestaltung eines konkreten Ortes des Gedenkens über wissenschaftliche Projekte, die Einrichtung einer Gastprofessur und die thematische Einbindung in das Curriculum des Modellstudiengangs Medizin bis zu öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten reichen. Es soll weit über die Charité hinaus für das Thema „Wissenschaft in Verantwortung“ eine Dimension haben, die zu erreichen es der Unterstützung und tätigen Mithilfe des Landes Berlin bedarf.

Zusammengefasst verbinden sich mit der Initiative „GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung“ vor allem folgende Ziele:

  • Geschichte: Am authentischen Ort Information über Ereignisse und Zusammenhänge, die für die Medizin (im Nationalsozialismus) massives Versagen im Hinblick auf eine „Wissenschaft in Verantwortung“ belegen, vermitteln.
  • Gegenwart: Bekenntnis zur „Wissenschaft in Verantwortung“ gegenüber der nationalen und internationalen Öffentlichkeit.
  • Zukunft: kreative und innovative Auseinandersetzung der Studierenden und der jungen Ärztinnen und Ärzte mit den Anforderungen einer „Wissenschaft in Verantwortung“ und ihren potentiellen Gefährdungszonen zu provozieren.


Für die Umsetzung des Gesamtprojektes ist ein Zeitrahmen vom Wintersemester 2013/14 bis zum Wintersemester 2016/17 geplant.

Auf dieser Website „GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung“ soll über den Stand und den Fortgang des Vorhabens kontinuierlich berichtet werden; Ankündigungen einschlägiger Aktivitäten sind ebenso vorgesehen wie Berichte über abgeschlossene Projekte in Wort und Bild.

Wir freuen uns, wenn Sie sich mit Ihren Ideen und Hinweisen an dem jetzt in der Charité angestoßenen Prozess aktiv beteiligen.

Bitte wenden Sie sich gern mit Ihren Vorschlägen, auch mit Ihrer Kritik an uns.

Prof. Dr. Karl Max Einhäupl

Politisch und rassisch verfolgte Mediziner im Nationalsozialismus

Vortrag von Dr. Thomas Beddies anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel „Zur Erinnerung an Geheimrat Professor Dr. med. Ismar Boas – Den großen Forscher und Lehrer der Gastroenterologie“ am 15. Mai 2013