Menschen

Namen und Geschichte(n) von Persönlichkeiten der Charité aus der Zeit von 1933 bis 1945

Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen Persönlichkeiten vor, die während des Nationalsozialismus aus der Charité vertrieben oder ermordet wurden. Im Gedenken an Sie erfahren Sie mehr über deren Werk und Wirken an der Charité.

Ausgrenzung und Vertreibung an der Charité: Verfolgte Mitarbeiter 1933-1945

In der seit Mendelssohn und Lessing auch von Liberalität gekennzeichneten Großstadt Berlin waren jüdische Ärzte weit zahlreicher vertreten als im Reichsgebiet insgesamt. Während der Anteil der deutschen Juden an der Gesamtbevölkerung unter einem (!), in Berlin unter vier (!), Prozent lag, umfasste er bei den Berliner Kassen- und Krankenhausärzten fast die Hälfte. Auch sie waren eher konservativ und deutschnational, viele waren im Ersten Weltkrieg zu dekorierten Frontkämpfern geworden. Staatsbeamter und hauptamtlicher Hochschullehrer zu werden, war aber für sie trotzdem kaum möglich. Die Zahl der Habilitierten mit Lehrbefugnis - Privatdozenten (PD) und außerordentliche (ao) Professoren – und mit hauptamtlicher Tätigkeit außerhalb der Universität war aber groß. Als Mitglieder der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität stellten sie die Hälfte aller Lehrenden.

Die Verfolgungen begannen lange vor 1933. National(sozial)istisch orientierte Studenten wurden von der Studentenmehrheit unterstützt und machten jüdischen Professoren die Lehrtätigkeit zunehmend unmöglich. Die Entlassungen vollzogen die Direktoren und Institutsleiter selbst am 31. März 1933 - noch vor Inkrafttreten der Rassegesetze. In den Fakultätsprotokollen finden sich keinerlei Bedenken gegen die rassenpolitischen Maßnahmen der Regierung. Im Gegenteil, man wollte sich „loyal“ verhalten und die Kündigungen „noch am selben Tage zustellen“. Die Lehrbefugnisse wurden wenig später entzogen und die Hochschullehrer damit aus dem Lehrkörper entfernt. Dies waren nur die ersten Schritte der Verfolgung und der Vernichtung beruflicher Existenz. Auch die Ärztlichen Standesvereinigungen hatten schnell reagiert: Sie entfernten „Juden und Marxisten aus den Vorständen und Ausschüssen“. Die „Tätigkeit von Kassenärzten nicht-arischer Abstammung sowie von Kassenärzten, die sich im kommunistischen Sinne betätigt haben“ fand am 22. April 1933 ein Ende; so konnten die aus Kliniken und Instituten entlassenen Ärzte auch in den Praxen nicht mehr ihre Kassenpatienten behandeln. Die Zusammenarbeit mit „arischen“ Ärzten (Vertretung, Überweisungen u. ä.) war ebenfalls verboten. Auch nicht hauptamtlich an der Universität tätige jüdische Wissenschaftler, z. B. Chefärzte anderer Krankenhäuser, entließ man noch im Sommer 1933. Ab 1938 konnten jüdische Ärzte auch keine Ersatzkassen-Patienten und dann grundsätzlich keine „Arier“ mehr behandeln. Der Entzug der Approbation folgte. Bald begann die physische Verfolgung. Späte Emigrationsversuche schlugen oft fehl. Wer nicht emigrieren konnte oder wollte, wurde deportiert und zumeist in den Tötungslagern ermordet.

Die hier wiedergegebene Liste von Personen beschränkt sich auf die der Medizinischen Fakultät der Universität und der Charité angehörenden aus rassischen und politischen Gründen verfolgten Hochschullehrer (>160) sowie auf wenige Assistenten und andere Beschäftigte (<30) nach dem derzeitigen Kenntnisstand. Die Forschung zu letzteren Gruppen sowie zur großen Zahl der ebenfalls aus gleichen Gründen exmatrikulierten Studenten ist erst gefordert; die Charité sollte sich diesem Desiderat in Zukunft stellen. Die geringe Zahl von Frauen in der Liste repräsentiert den damaligen Stand ihrer Karrieremöglichkeiten. Auch die Kenntnis über spätere Lebenswege der verzeichneten Professoren weist große Lücken auf, oft kennen wir nicht einmal das Todesdatum.

(Text: Udo Schagen, 2013)