Edith Jacobson

Portrait Edith Jacobson, © Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Portrait Edith Jacobson, © CharitéUniversitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Edith Jacobson wurde 1897 in eine in Haynau (Schlesien) lebende, aufgeklärte, jüdische Arztfamilie geboren. Sie studierte ab 1917 Medizin in Jena, München und Heidelberg, wo sie 1923 in Kinderheilkunde auch promovierte.

1926/27 hatte sie eine Stelle in der von Karl Bonhoeffer geleiteten Psychiatrischen und Nervenklinik, wo man „ausgezeichnet klinische Psychiatrie lernte“ – aber die Psychoanalyse besser unerwähnt ließ.7 Dort lernte sie Paul Jossmann kennen, zu dem sie nach beider Emigration in die USA eine mehrjährige Liebesbeziehung unterhielt. Ihre Psychoanalytische Ausbildung begann sie an Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, in einem Seminar von Arthur Kronfeld. Der gab Jacobson „ein Seminar für mich, wirklich für mich […] Und als erstes analytische Buch ließ er mich Wilhelms Reichs [Band] über die Anfänge der Ich-Psychologie referieren“. Gegen Kronfelds Rat – und mit Unterstützung ihres Vaters – begann Jacobsen dann ihre Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut und soll Kronfeld sogar veranlasst haben, sich selbst in eine Analyse bei Siegfried Bernfeld zu begeben, die er allerdings wegen seines „Widerstandes“ abgebrochen habe. Mit und zu Kronfeld gab es immer wieder Berührungspunkte, so überwies er ihr Patientinnen, insbesondere Kinder und junge Frauen zur Analyse und legte eine Veröffentlichung mit ihr vor.

Die psychoanalytische Ausbildung am BPI erfolgte zwischen 1925-1929, also während ihrer Charité-Tätigkeit, mit einem starken Interesse für die Kinderanalyse, die sie u.a. bei Anna Freud erlernte. Die Lehranalyse absolvierte sie bei Otto Fenichel – der ebenfalls kurzzeitig an der Charité gearbeitet hatte – und schließlich wurde sie 1930 außerordentliches und 1931 ordentliche Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. Bereits 1928 eröffnete Edith Jacobson nach eigenen Angaben eine „private practice of psychiatry and psychoanalysis“.

Jacobsen war keine orthodoxe, sondern auf denkerische Unabhängigkeit bedachte Psychoanalytikerin. So beteiligte sie sich bis zu ihrer Inhaftierung 1935 am sogenannten „interkonfessionellen“ Arbeitskreis, einem privaten, bis 1938 stattfindenden Treffen von Psychotherapeuten unterschiedlicher Colleur mit tiefenpsychologischer Ausrichtung, zu dem auch Arthur Kronfeld, Karen Horney, Harald Schultz-Hencke, Max Levy-Suhl und Werner Kemper kamen.

Edith Jacobson interessierte zunächst „einzig und allein die Wissenschaft. Ich habe niemals historische oder politische Bücher gelesen“. Erst mit der um sich greifenden faschistischen Ideologie Ende der 1920er Jahre, begann sich das zu ändern. So nahm Jacobsen ab 1929 an Treffen der „Vereins sozialistischer Ärzte“ teil und sympathisierte mit der sich um 1930 etablierenden Arbeitsgemeinschaft „marxistischer Analytiker“ um das KPD-Mitglied Wildhelm Reich – der auch kurze Zeit in der Charité-Psychiatrie arbeitete – und dessen Frau Annie, Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel und Erich Fromm. Auch ihre Nebentätigkeiten in Wilhelm Reichs „Sexualberatungsstelle des kommunistischen Einheitsverbandes für proletarische Sexualreform und Mutterschutz“ (1930) oder ihre Teilnahme im sogenannten „Kinderseminar“ der BPI, wo sich vor allem junge linksoppositionelle Analytiker zusammenfanden, belegen ihre politische Orientierung.

Obwohl Edith Jacobson nach Hitlers Machtantritt die Gefahr für Leib und Leben erkannte und – wie viele andere linke und jüdische Analytiker – in die USA emigrieren wollte, zögerte sie diesen Schritt hinaus, weil ihre Familie sich nicht dazu entschließen konnte. 1933 rückte sie – trotz ihrer jüdischen Herkunft – zur Lehranalytikerin am BPI auf, nahm gleichzeitig aber den zunehmenden „Anpassungs- und Gleichschaltungsprozess“ der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft unter den von Jacobson als „Dussel“ titulierten Kollegen Felix Boehm und Carl Müller-Braunschweig – auch er ein ehemaliger Bonhoeffer-Mitarbeiter – wahr. Zur gleichen Zeit ist Jacobsons Mitarbeit an einer Widerstandsgruppe linker Analytiker namens „Neu Beginnen“ belegt, die gefährdete Patienten ins Ausland brachte. Als sie vor der Rückkehr von einer solchen Transaktion aus Norwegen nach Deutschland gewarnt, dennoch nach Berlin kam, wurde sie am 24. Oktober 1935 verhaftet, weil mittlerweile das Archiv der Gruppe entdeckt und sie enttarnt worden war. Trotz erheblicher Ambivalenzen der mittlerweile politisch gespaltenen deutschen Psychoanalyse zu Jacobsens Verhalten, versuchten sich einige Analytiker, insbesondere Otto Fenichel vergeblich für ihre Haftentlassung einzusetzen. Im Dezember 1935 wurde sie wegen „Hochverrats“ angeklagt und nach fast einem Jahr Untersuchungshaft in einer Prozesswelle 1936/37 zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus und der Aberkennung bürgerlicher Ehrenrechte verurteilt. Die Strafe verbüßte sie im Zuchthaus Hauer in Schlesien, wo sie lyrische Texte und psychoanalytischen Abhandlungen verfasste. Als sie 1937 schwer erkrankte, verlegte man sie in ein Leipziger jüdisches Krankenhaus, in dem ihr Bruder arbeitete. Von dort gelang ihr die abenteuerliche Flucht nach Prag, von wo aus sie schließlich in die USA emigrierte und zu einer führenden Psychoanalytikerin wurde. Die dort veröffentlichten Bücher zählen zu den Klassikern der Nachfreudianischen Psychoanalyse. Edith Jacobson starb 1978 in den USA.

(© Text: Rainer Herrn, Institut für Geschichte der Medizin der Charité)

7 Zum Umgang mit psychoanalytischen Therapieansätzen an Bonhoeffers Klinik vgl.: Herrn, Rainer: Wie die Traumdeutung durch die Türritze einer geschlossenen Anstand sickerte. Zum Umgang mit der Psychoanalyse an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité. In: Schmuhl/Roelcke, ebd. S. 69-99.