Franz Kramer

Portrait Franz Kramer, © Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Portrait Franz Kramer, © CharitéUniversitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Geboren wurde Franz Kramer 1878 in Breslau in eine liberale jüdische Kaufmannsfamilie. In seiner Geburtsstadt absolvierte Kramer das Gymnasium und das Medizinstudium an der „Königlich-Preußischen Universität“, wo er 1901 auch seine Approbation erhielt und im darauffolgenden Jahr bei Carl Wernicke mit einer Arbeit über Rückenmarksveränderungen bei Polyneuritis promovierte. Daran schloss sich eine Assistenzzeit bei seinem Doktorvater an, dessen Denkstil er weitgehend übernahm. Zur Zeit seines Klinikeintritts 1902 arbeitete auch Karl Bonhoeffer dort. Er hatte sich bereits bei Wernicke habilitiert und leitete nachdem er zwischenzeitlich die Breslauer Gefängnispsychiatrie aufbaute, ab 1904 die Klinik. Auch Kramer habilitierte sich schnell bei Bonhoeffer, nämlich 1907 mit einer Arbeit über „Elektrische Sensibilitätsuntersuchungen mittels Kondensatorenladungen“. Noch im selben Jahr wurde er Privatdozent.

Der Kontakt zu dem Psychologen Hermann Ebinghaus, einem Spezialisten für Entwicklungs- und Kinderpsychologie und zu William Stern prägten Kramers Interesse an pädagogisch-psychiatrischen Projekten, insbesondere Fragen der Intelligenzprüfung, wozu er maßgebliche Publikationen vorlegte. Dazu arbeitete er mit reformpädagogischen Einrichtungen wie der „Breslauer Zentrale für Jugendfürsorge“ zusammen. Als Bonhoeffer 1912 Nachfolger Theodor Ziehens an der Psychiatrischen und Nervenklinik wurde, hatte er in den Berufungsverhandlungen dafür gesorgt, dass auch Kramer eine entsprechende Stelle bekam, nämlich die des Leiters der stark frequentierten Poliklinik und des „psychologischen Laboratoriums“. Später wurde er außerdem Leiter der Männerstation. Unten den Mitarbeitern war Kramer am längsten bei Bonhoeffer tätig, nämlich bis 1938. Als während des Ersten Weltkriegs die meisten Mitarbeiter zum Kriegsdienst eingezogen wurden – von den 21 Ärzten 1913 blieben 1917 gerade einmal 6 übrig – und ein Teil der Betten für versogungsintensive Kriegsverletzte zur Verfügung gestellt werden musste, konnte Bonhoeffer Kramer als unabkömmlich an der Klinik zu halten.

Seiner professionellen Passion, der Kinder und Jugendpsychiatrie konnte Kramer mit der 1921 eingerichteten „Kinder-Kranken- und Beobachtungsstation“ wieder nachgehen, als deren Leiter er ebenfalls fungierte. Über die Beobachtungsstation ist gerade eine Monografie meiner Kollegen Petra Fuchs und Wolfgang Rose im Entstehen. Die KBS wurde vom Deutschen Verein zur Fürsorge für jugendliche Psychopathen, zu dessen Gründungsmitgliedern Kramer 1918 zählte, in Kooperation mit der Psychiatrischen und Nervenklinik getragen. Die Atmosphäre an dieser heilpädagogisch-kinderpsychiatrischen Institution war von der engen und gleichberechtigten Zusammenarbeit von Pädagoginnen und Ärzten geprägt. Das gemeinsam von Franz Kramer und Sozialpädagogin Ruth von der Leyen entwickelte Modell von Heilen durch Erziehen, legte seinen Schwerpunkt auf die Fähigkeiten der Selbststeuerung der Kinder und Jugendlichen und kann als Vorläufer heutiger sozialpädagogischer Konzepte verstanden werden.

1921 wurde dem Privatdozenten Franz Kramer „die Dienstbezeichnung außerordentlicher Professor“ zuerkannt. Seine Lehrangebote umfassten Themen der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Im Alter von 46 heirate Franz Kramer 1924 die achtzehn Jahre jüngere Breslauerin Luise Scheffels, ein Jahr später wurde die Tochter Gabriele geboren. Bei dem 1928 geborenen Sohn Karl, fungierte Karl Bonhoeffer als Pate, ein deutliches Zeichen, dass die Beziehung zu Kramer weit mehr als professioneller Natur war. Bonhoeffer hatte soviel Vertrauen, dass er ihm während seiner Abwesenheit die Klinikleitung übertrug.

Kramer führte neben seiner Kliniktätigkeit noch eine Privatpraxis in der Budapester Straße, die auch seine Wohnadresse war. Entsprechend dem Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurde Franz Kramer im November 1933 die Lehrbefugnis entzogen, zwei Jahre später im März 1935 auch das Beschäftigungsverhältnis gelöst. Kramer musste aus den Einkünften seiner Privatpraxis leben und hoffte vergeblich durch die Unterstützung von Adolf Mayer, der an der John Hopkins Universität in Baltimore tätig war, nunmehr darauf, im Ausland, speziell in den USA, eine Professur zu bekommen. Denn mit dem Entzug der Approbation im Oktober 1938 war ihm auch die letzte Einkommensquelle verschlossen. Durch Unterstützung Bonhoeffers und Sauerbruchs ging Kramer mit seiner Familie im selben Jahr nach Holland (Utrecht), wo er 1940 das niederländische Arztexamen ablegte. Kramer ließ sich als Neurologe in Amsterdam nieder, wo er bis 1947 praktizierte. Einen Ruf an die Universität Jena, lehnte Kramer im selben Jahr ab, aus der Befürchtung nicht nach Amsterdam zurückkehren zu können. Eine Anstellung in einer Abteilung für Psychopathen sicherte ihm – neben Bezügen aus dem Bundesentschädigungsgesetz – nunmehr den Lebensunterhalt. Bis 1957 war er in Den Dolder ärztlich und publizistisch tätig. Franz Kramer starb am 29.6.1967.

(© Text: Rainer Herrn, Institut für Geschichte der Medizin der Charité)