Lothar Kalinowsky

Portrait Lothar Kalinowsky, © Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Portrait Lothar Kalinowsky, © CharitéUniversitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Im Dezember 1899 als Sohn des Anwaltes und Notars Alfred Kalinowsky und Anna Schott, Tochter jüdischer Eltern, in Berlin geboren, hatte Kalinowsky1922 seine Ärztliche Prüfung in Berlin absolviert. In seiner im März 1927 aus Breslau an Karl Bonhoeffer geschriebenen Bewerbung um eine bezahlte Assistentenstelle hatte Kalinowsky betont, dass er sich in seiner nervenärztlichen Ausbildung, die ihn über Hamburg, Wien und Breslau geführt hatte, insbesondere „möglichst gründliche organisch-neurologische Kenntnisse anzueignen“ bemüht habe. Doch trotz Bonhoeffers Forschungsschwerpunkt der symptomatischen Psychosen, reichte dies aber wie bei so vielen anderen Bewerbern damals nicht für eine bezahlte Stelle. So nahm Kalinowsky, der 1925 in Berlin die aus sehr wohlhabender jüdischer Bankiers-Familie stammende Hilda Pohl geheiratet hatte, eine unbezahlte Volontärsstelle an der Nervenklinik der Charité bei Bonhoeffers Oberarzt Hans-Gerhard Creutzfeld an. Das Geld für die Familie – 1927 wurde die erste und 1930 die zweite Tochter geboren – suchte er in einer Privatpraxis zu verdienen. Seine Frau Hilda half beim Färben der neuroanatomischen Präparate für seine Publikationen zur den erblichen Ataxien und der amyotrophen Lateralsklerose wie auch für seine Habilitation über die Hallervordensche Krankheit.

In der Folge des 1933 erlassenen »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« kam das Habilitationsverfahren Kalinowskys zum Erliegen wie auch seine Tätigkeit an der Nervenklinik. Mit der wenige Tage später erlassenen »Verordnung über die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen« endete auch die gemeinsame neurologische Konsiliartätigkeit mit Arthur Simons in den städtischen Krankenhäusern Berlins wie auch die Vertretungstätigkeit für Fritz Fränkel in der Kreuzberger psychiatrischen Fürsorge für Alkohol und Sucht. Dank der Vermittlung durch Otfrid Foerster erhielt Kalinowsky im Mai 1933 eine unbezahlte Stelle in der psychiatrischen und neurologischen Abteilung der Universitätsklinik in Rom, deren Leitung im Jahre 1935 an Ugo Cerletti überging. Die Entwicklung der Elektrokrampftherapie hat Kalinowsky daher von Beginn an mit begleitet. Aufgrund der italienischen Rassegesetze und der Regelung über den Entzug des Ärztediploms für ausländische »Nichtarier« wurde Kalinowsky zum erneuten Aufbruch in die Emigration gezwungen: nach London. Die verschärften Zulassungsbegrenzungen für ausländische Ärzte dort zwangen ihn schließlich 1940 noch einmal in die Emigration: in die USA, wo er schließlich ab 1958 „Associate Professor for Neuropsychiatry“ des New York Medical College und zugleich praktizierender Nervenarzt mit einem Schwerpunkt auf die Elektrokrampftherapie wurde. Unter seinen zahlreichen Publikationen wurde die 1946 erschienene Monographie „Schockbehandlungen, Psychochirurgie und andere somatische Behandlungsverfahren in der Psychiatrie“ zum internationalen Standardwerk der Biologischen Psychiatrie. Kalinowsky blieb der Berliner Nervenheilkunde verbunden, kam seit 1947 jährlich zu Besuchen nach Berlin – auch hier in die Nervenklinik. Außerdem vermittelte er zwischen westdeutschen bzw. Westberliner Kollegen und der Amerikanischen Psychiatrie, wofür eine Gastprofessur an der Freien Universität erhielt und 1968 für diese Leistungen auch das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

(© Text: Rainer Herrn, Institut für Geschichte der Medizin der Charité)