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04.11.2013

Gedenkfeier: Im Gedenken der Kinder. Kinderheilkunde und Nationalsozialismus

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GeDenk.Ort Charité – Wissenschaft in Verantwortung

Das Bild zeigt das Otto-Heubner-Denkmal auf dem Campus Charité Mitte.
Otto-Heubner-Denkmal auf dem Campus Charité Mitte. Foto: Wiebke Peitz / Charité
Das Bild zeigt die Gedenktafel für Eduard Henoch.
Gedenktafel für Eduard Henoch. Foto: Wiebke Peitz / Charité

In einer feierlichen Zeremonie wurde am 4. November 2013 die Büste des Begründers der Kinderheilkunde, Otto Heubner (1843–1926), wieder an ihrem angestammten Platz vor der "Alten Kinderklinik" am Campus Charité Mitte aufgestellt. Die vergangenen 15 Jahre hatte das Denkmal im Depot verbracht, um es während der ständigen Bauarbeiten an den Gebäuden rund um den Virchowweg vor Beschädigungen zu schützen. Gleichzeitig widmete die Dekanin der Charité, Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich, eine Gedenktafel im Foyer des Gebäudes Eduard Henoch (1820–1910), einem weiteren Vordenker der Kinderheilkunde in Berlin.

Prof. Grüters, deren wissenschaftliche Laufbahn in der Pädiatrie begann, und Privatdozent Dr. Thomas Beddies, stellvertretender Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin, zeichneten anlässlich des zu Ende gehenden Berliner Themenjahrs "Zerstörte Vielfalt" aber auch die Verstrickungen der Berliner Kinderheilkunde in den aufkommenden und im Vernichtungsfeldzug der Nazis gipfelnden Antisemitismus nach.

Schon Henoch hatte zeitlebens darunter gelitten, dass ihm trotz unbestritten überragender wissenschaftlicher Verdienste im Laufe einer fast 30-jährigen Karriere an der Charité der Titel eines Ordinarius verweigert worden war – wie er glaubte, aufgrund seiner jüdischen Herkunft. Dennoch erlebte er noch eine angemessene Würdigung seiner Leistung durch die Enthüllung eines großen Denkmals vor der Kinderklinik. Genau dieses Denkmal ließ nach 1933 die nationalsozialistische Gesinnung des damals amtierenden Klinikdirektors Georg Bessau (1884–1944) klar zutage treten. Bessau, der 1932 sein Amt angetreten hatte, entließ bereits vor der Machtergreifung Adolf Hitlers mit atemberaubender Geschwindigkeit die jüdischen Ärzte seiner neuen Klinik.

Die Entfernung des Henoch'schen Denkmals betrieb er mit Zähigkeit, unter Berufung auf "das Gerücht ..., dieser sei nicht arisch gewesen", wie es in einem seiner Briefe an die Charité-Direktion heißt. Nach der von Bessau verlangten Prüfung durch das Rasseamt wurde Henochs Denkmal zusammen mit anderen Monumenten 1940 bei Nacht und Nebel vom Charité-Gelände entfernt und später vermutlich zerstört.

Zu diesem Zeitpunkt war Bessau schon weit fortgeschritten auf dem Weg, der ihn vom begabten Wissenschaftler zum Mörder werden ließ. Bereits 1939 hatte sich sein Schüler Werner Catel von Leipzig aus als einer der drei Obergutachter der so genannten Kindereuthanasie angedient. Hier ging es darum, unter strikter Geheimhaltung behinderte Kinder und Erwachsene zu ermorden, weil sie nach der Nazi-Ideologie "lebensunwertes Leben" darstellten. Diese Aktion wurde nach massiven Protesten der Kirchen 1941 offiziell wieder eingestellt, doch ein so genannter Reichsausschuss zur Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden war weiterhin aktiv und initiierte nach wie vor Tötungen in so genannten Kinderfachabteilungen, von denen es über das Reich verteilt etwa 30 gab.

Mit einer dieser Kinderfachabteilungen in der "Städtischen Nervenklinik für Kinder Wiesengrund" in Berlin-Reinickendorf arbeitete Bessau spätestens ab 1942 eng zusammen. Er übernahm mindestens 32 Kinder, die der Reichausschuss zur Ermordung bestimmt hatte, für Tuberkulose-Impfversuche. Den Krankengeschichten ist zu entnehmen, dass vorwiegend Kinder ohne nennenswerte familiäre Bindungen ausgewählt wurden; viele waren unehelich geboren und in Kinderheimen aufgewachsen.

Eine Gruppe von zehn jüngeren Kindern wurde in der Zeit von November 1942 bis April 1943 geimpft. Diese Kinder waren drei bis vier Jahre alt; ihr Kräfte- und Allgemeinzustand war reduziert. Sie kamen direkt von den Eltern oder aus dem Waisenhaus in Berlin-Kreuzberg. Und noch im Februar 1945 ließ Bessau elf andere Kinder mit lebenden TB-Erregern infizieren, also mit virulenten Bazillen zur Kontrolle des Impferfolgs.

Zu den ermordeten Kindern gehörte auch der schwer behinderte Dieter, der nur 80 Zentimeter groß und weniger als 8 Kilogramm schwer war. Bei ihm entwickelte sich nach der Impfung eine enorme Eiteransammlung, die vom Kniegelenk über den gesamten Oberschenkel bis in die Leistenbeute reichte und an der er in den Monaten zwischen der Impfung im Mai und seinem Tod am 16. August 1943 fürchterlich gelitten haben muss

"Die Entwicklung einer Tuberkulose-Schutzimpfung war zweifellos wichtig und Bessau einer der bedeutendsten Forscher seiner Zeit auf diesem Gebiet", erklärte Beddies.  "Aber er benutzte für die schmerzhaften, gefährlichen, häufig auch tödlich verlaufenden Experimente Kinder, die  – als 'nicht bildungs- und entwicklungsfähig', als 'lebensunwert' abqualifiziert waren, ohne die Angehörigen auch nur über den Charakter und die Risiken der Versuche zu informieren, geschweige denn ihr Einverständnis einzuholen." Damit habe Bessau in seinem wissenschaftlichen Denken und Handeln die Würde jedes einzelnen der ihm anvertrauten, schutzbefohlenen Kinder in eklatanter Weise verletzt.

So eignet sich der Fall des vierten Direktors der Klinik für Kinderheilkunde der Charité wie kaum ein anderer, um zu verdeutlichen, wohin die menschenverachtende Wissenschaftsauffassung der Nazis in Berlin und auch an anderen Orten führte. Über den vorsätzlich herbeigeführten schnellen Verfall ihres Kindes in der Kinderfachabteilung der brandenburgischen Anstalt Görden berichtet eine Berliner Mutter in einem der erhalten gebliebenen Briefe aus denen Studentinnen und Studenten der Charité während der Feierstunde vorlasen:

"(...). Entsetzt war ich, wie sehr sich das Kind in verhältnismäßig kurzer Zeit verändert hat und verfallen war. Ich bin stark genug, die volle Wahrheit zu verstehen und zu tragen. Wenn Sie als Ärztin ja ihre Kranken auch mit anderen Augen sehen, so nehme ich an, daß sie aber auch mich als Mutter verstehen, die ihr Kind liebt und besonders wenn es so leiden muß. Ich vergesse nie die unsagbar traurigen Augen und das Gesichtchen wie ein kleiner Greis. (...) Es ist doch so für das Kind und auch für mich als Mutter, die ich schon recht viel seelische Kummer und Leid (mit-)gemacht habe, eine Qual. (...) Ich bitte Sie also nochmals herzlichst, mir baldmöglichst Nachricht zu geben, was sie von Dieters Krankheit halten, sind es nun nur die Versuche, die ihn jetzt so schnell abfallen ließen oder geht es mit ihm rapide zu Ende? (...)"

Die Charité hat jetzt die Initiative "GeDenkOrt Charité – Wissenschaft in Verantwortung" ins Leben gerufen, um anhand dieser historischen Erfahrung das Wertekorsett zu verdeutlichen, das die Forschung an jedem Ort und zu jeder Zeit leiten muss. Auf der Festveranstaltung drückte die Dekanin der Charité es so aus: "Diese Kinder und Jugendlichen wurden mit schweren Erkrankungen und Beeinträchtigungen vertrauensvoll in die Hände von Ärztinnen und Ärzten gegeben, die dieses Vertrauen in verachtenswerter Weise ausnutzten. Die Schlussfolgerung in der heutigen Zeit ist klar: Für jegliches wissenschaftliche Streben und Handeln gilt es, die Würde des Einzelnen zu achten, sich stets der durch den Fortschritt vorhandenen Gefahr einer Missachtung dieses Grundsatzes bewusst zu sein und diese abzuwenden sowie Verletzungen der Menschenwürde auszuschließen."

(Text: Claudia Peter)

Kontakt

Dr. rer. nat. Gerda Fabert

Projektkoordinatorin beim VorstandsvorsitzendenCharitéUniversitätsmedizin Berlin
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10117 Berlin

Postadresse:Charitéplatz 110117 Berlin

Campus- bzw. interne Geländeadresse:Friedrich-Althoff-Haus (Charitéplatz 1)

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