Zur Geschichte der Hautklinik

Die heutige Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Schon ab 1727 wurden in der Charité die venerischen Kranken behandelt. Nach dem Umbau zur sog. Alten Charité ist dort 1825 der klinische Unterricht über venerische Krankheiten eingeführt worden;  in dem neu errichteten Gebäude der Neuen Charité waren dann auch die Abteilungen für syphilitisch Kranke untergebracht.

F. W. Felix von Baehrensprung (1822-1864) gründete 1858 die Hautklinik und unter Edmund Lesser (1852-1918), dem ersten Ordinarius für Dermatologie in Berlin, eröffnete 1906 die Universitätspoliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

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Klinik und Poliklinik waren in verschiedenen Gebäuden untergebracht, die nach den Bombenangriffen 1943 – 1945 fast völlig zerstört waren. 1956 legte Karl Linser (1895-1976) den Grundstein für einen Neubau, mit dem die Hautklinik 1960 zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein eigenes modernes Gebäude erhielt – heute „Edmund Lesser-Haus“ im Rahel-Hirsch-Weg 1-3.

Im großen Eingangsfoyer des Hauses erinnert ab dem 30. April 2019 eine Gedenktafel an 68 deutsche Dermatologinnen und Dermatologen, darunter 28 aus Berlin, die während der Nazi-Herrschaft zwischen 1933 und 1945 umgekommen sind: Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft gedenkt in tiefer Trauer und Scham der von den Nationalsozialisten ermordeten oder in den Suizid getriebenen jüdischen Dermatologinnen und Dermatologen aus Deutschland.

Die Initiative zu dieser Gedenktafel ging von der Arbeitsgemeinschaft Geschichte der Dermatologie und Venerologie in der DDG (AGDV) gemeinsam mit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) aus. Aus Anlass der 50. DDG-Tagung in Berlin erfolgt am 30. April 2019 deren feierliche Enthüllung. DDG und AGDV kamen überein, dass angesichts des Aufflammens antisemitischer Tendenzen in Deutschland mit einer solchen Gedenktafel ein deutliches Zeichen gesetzt wird.

Wegen eines erschwerten Zugangs in die universitäre Medizin auch vor 1933 konzentrierten sich viele jüdische Mediziner*innen auf vergleichsweise junge Fachdisziplinen wie die Dermatologie. An der Hautklinik der Charité wurde neben Felix Pinkus (1868-1947) auch den jüdischen Dermatologen Franz Blumenthal (1878-1971) und Abraham Buschke (1868-1943) in der NS-Zeit die Lehrbefugnis entzogen. Die  Assistent*innen Franklin Reiss und Käthe Jaffé wurden entlassen. Abraham Buschke wurde im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Franz Blumenthal emigrierte 1934 in die USA und nahm einen Ruf an die University of Michigan an.

Entwicklung der Dermatologie / Venerologie

Abbildung: Der Syphilis-Erreger: Schnittpräparate mit Nachweis von Spirochäta pallida, von Erich Hoffmann 1906 in Bern präsentiert.
Abbildung: Der Syphilis-Erreger
Abbildung: Moulagensammlung der Hautklinik (1910)
Abbildung: Moulagensammlung der Hautklinik (1910)

Die Dermatologie entwickelte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer eigenständigen medizinischen Disziplin. Ein wichtiges Tätigkeitsfeld war die Behandlung der Geschlechtskrankheiten, an erster Stelle der Syphilis. Im Zusammenhang mit der Syphilis-Forschung lässt sich der „Neisser-Skandal“ von 1892 und die damit verbundene zeitgenössische Debatte um medizinische Versuche thematisieren, die ohne Aufklärung und ohne das Einverständnis der Patienten eingeholt zu haben, durchgeführt worden waren. Der Fall führte nicht nur zu staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen den Breslauer Dermatologen Albert Neisser (1855-1916), sondern auch zu einer Regelung, wonach Menschenversuche nur noch nach eingehender Belehrung und ausdrücklicher Einwilligung der Probanden zugelassen wurden.

Seit jeher hatte polizeiliche Kontrolle und Repression die Behandlung der Syphilis auch in Berlin und an der Charité geprägt. Die Überwachung ging einher mit stigmatisierenden Zuschreibungen von Promiskuität und Prostitution und schloss die Asylierung Erkrankter ein. Die Krankheit galt als „keimschädigende Volksseuche“ und betraf Männer, Frauen und auch Kinder. Zwar entdeckten 1905 Erich Hoffmann (1868-1959) und Fritz Schaudinn (1871-1906) vom Kaiserlichen Gesundheitsamt an der Hautklinik der Charité den Erreger der Syphilis (Spirochäta pallida); eine Heilung war jedoch noch nicht möglich. Während sich in der Weimarer Republik mit dem „Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ eine Änderung hin zu Aufklärung, Prävention, Fürsorge und einer Besserstellung der Erkrankten abzeichnete, setzte das NS-Regime im Kontext rassen- und bevölkerungspolitischer Maßnahmen wieder verstärkt auf Repressionen. Erst mit der Einführung des Penicillins nach Ende des Zweiten Weltkrieges verlor die Syphilis endgültig ihren Schrecken.

Nach 1933 hatte Franz Blumenthal (1878-1971), kommissarischer Leiter der Hautklinik von 1929 bis 1932, als Jude die Klinik verlassen müssen. Er war bereits im Oktober 1932 von Walther Frieboes (1880-1945) als Direktor abgelöst worden. Frieboes starb Anfang Mai 1945 während der „Schlacht um Berlin“ unter ungeklärten Umständen.

Das Gebäude der Hautklinik der Charité wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und konnte erst 1960, zur 250-Jahrfeier der Charité, wiedereröffnet werden.

Abbildungen:

  • Der Syphilis-Erreger: Schnittpräparate mit Nachweis von Spirochäta pallida, von Erich Hoffmann 1906 in Bern präsentiert.
    (aus: Geiges, Michael L., Die Tagungen der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in der Schweiz 1906, 1963, 1985, in: JDDG 12 (2014), Suppl. 4, S. 1-72, S. 20; Bildquelle: Jadassohn J. Verhandlungen der Deut-schen Dermatologischen Gesellschaft. I. Teil, Berlin, 1907)
  • Moulagensammlung der Hautklinik (1910): Sammlung der Hautklinik der Charité, angelegt unter dem Klinikdirektor und ersten Ordinarius für Dermatologie in Deutschland, Edmund Lesser (1852-1918) (aus: Schnalke/Atzl, Dem Leben auf der Spur, S. 163; Bildquelle: Humboldt-Universität-Berlin (HUB)

Literatur:

  • Harnack, Klaus, Die Hautklinik der Charité und die Dermatologie in Berlin (1710-1999), Berlin 2000.
  • Hulverscheidt Marion, Baader, Gerhard, Beddies, Thomas, Syphilis in Therapie und Forschung (1918-1933), in: Bleker, Johanna, Hess, Volker (Hg.), Die Charité. Geschichte(n) eines Krankenhauses, Berlin 2010.
  • Scholz, Albrecht, Die Geschichte der Dermatologie in Deutschland, Berlin 1999.

Eine neue Station für den REMEMBER Erinnerungsweg

Im Rahmen der Initiative „GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung“ ist auf dem historischen Campus der Charité in Berlin-Mitte der REMEMBER Erinnerungsweg mit bislang 6 Stationen entstanden – zugleich Orte der künstlerischen Auseinandersetzung mit zeitlosen Gefährdungen des Menschen durch die medizinische Wissenschaft. Über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus soll so eine fortwährende Debatte über Chancen und immanente Risiken biomedizinischer Forschung und Praxis ermöglicht werden: in ethischer, politischer, sozialer und kultureller Perspektive.

Die feierliche Enthüllung der Gedenktafel im Foyer der Hautklinik sieht die Charité als Anregung, jetzt auch die bereits geplante (bislang aber nicht finanzierbare) Station des REMEMBER Erinnerungswegs vor der Klinik zu realisieren:

Vor dem Eingang des Edmund Lesser - Hauses soll zeitnah eine neue Gedenkskulptur des REMEMBER Erinnerungswegs errichtet werden, die sich entsprechend der Tafel in der Ausstellung unter dem Thema ÜBERWACHEN und AUSGRENZEN mit Dermatologie und Venerologie in der NS-Zeit befassen könnte. Den Künstler*innen wurden seinerzeit als Einstieg und Arbeitshilfe für die Auseinandersetzung mit den historischen Inhalten und Themen die Stationen des Erinnerungswegs einzeln vorgestellt. Ergänzt durch Dokumentensplitter, zeigen diese Basisinformationen Perspektiven und Fragen auf, die verhandelt werden sollen. Hinweise auf weiterführende Literatur sollen Künstler/innen helfen, sich die jeweiligen Themenfelder zu erschließen.

Unterstützen Sie uns

Wir würden uns sehr freuen, wenn unser Vorhaben Ihr Interesse findet und Sie uns mit einer Spende bei der Realisierung der REMEMBER Station DERMATOLOGIE und VENEROLOGIE unterstützen.

Unser GeDenkOrt Spendenkonto:
CharitéUniversitätsmedizin Berlin
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Verwendungszweck: IA 63500616 Dermatologie