Gedenktafel für Dermatologen jüdischer Herkunft enthüllt

Ein besonderer Moment des Erinnerns: Am 30. April 2019 wurde an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Campus Charité Mitte eine Gedenktafel zu Ehren von Dermatologinnen und Dermatologen jüdischer Herkunft enthüllt, die während des Nationalsozialismus ermordet oder in den Suizid getrieben wurden.

 

Foto: Arbeitsgemeinschaft Geschichte der Dermatologie und Venerologie, c/o Dr. Martin Lorenz, Kaiserslautern

Sie befinden sich hier:

Neue Gedenktafel für die von den Nationalsozialisten ermordeten oder in den Suizid getriebenen jüdischen Dermatologinnen und Dermatologen aus Deutschland in der Klinik für Dermatologie der Charité enthüllt

Enthüllung der Gedenktafel
Foto: © M. Lorenz | DDG

Auf Initiative der „Arbeitsgemeinschaft Geschichte der Dermatologie und Venerologie“ (AGDV) wurde am 30. April 2019 im Beisein zahlreicher Gäste im Foyer der Universitätshautklink eine Gedenktafel zu Ehren der von den Nationalsozialisten ermordeten oder in den Suizid getriebenen Dermatologinnen und Dermatologen aus Deutschland enthüllt. Die Federführung dieses Projektes lag bei dem AGDV-Vorstandsmitglied Dr. Volker Wendt aus Oldenburg.

Auf der Gedenktafel, die mit den Worten „Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft gedenkt in tiefer Trauer und Scham...“ beginnt, sind alle Namen der NS-Opfer mit ihren Lebensdaten und ihrem letzten Wirkungsort aufgeführt.

In Ihrem Grußwort hob die Präsidentin der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), Frau Prof. Leena Bruckner-Tuderman, hervor, dass die Zeit des Nationalsozialismus und die damit verbundene Politik der Ausgrenzung, der Menschenverachtung und des Rassenwahns als der moralische Tiefpunkt auch der DDG-Historie anzusehen ist. Der von den nationalsozialistischen Machthabern eingesetzte DDG-Vorstand unterstützte die Zielsetzungen der NSDAP nahezu vorbehaltlos. In der Folge kam es zu einer beispiellosen Verfolgung, Vertreibung und physischen Vernichtung der jüdischen Dermatologinnen und Dermatologen. Betroffen waren 569 von insgesamt 2078 Hautärztinnen und Hautärzten, die 1933 in Deutschland registriert waren.

Der Vorstandsvorsitzende der Charité, Herr Prof. Max Einhäupl, führte in seinem Redebeitrag aus, dass sich die Charité Universitätsmedizin seit Jahren mit dem Projekt „Wissenschaft in Verantwortung“ GeDenkOrt.Charité aktiv an der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt, in der Kliniken und Institute der Charité sowie der Berliner Universität zu Tatorten einer Rassen- und Vernichtungsmedizin wurden. Die neue Gedenktafel in der Charité fügt sich nach seiner Ansicht sehr gut in dieses Gesamtkonzept ein.

Grußwort des Vorstandsvorsitzenden der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Prof. Karl Max Einhäupl

Sehr geehrte Gäste, Liebe Kolleginnen und Kollegen der Dermatologischen Gesellschaft,

Sie gedenken heute der von den Nationalsozialisten ermordeten oder in den Suizid getriebenen – in damaliger Terminologie „jüdischen“ – Dermatologinnen und Dermatologen. Insgesamt 68 Namen aus dem Gebiet des damaligen Deutschen Reichs sind auf dieser Gedenktafel verzeichnet, die gleich enthüllt werden soll. Mit diesen 68 Namen sind nicht nur die leidvollen Schicksale der Kolleginnen und Kollegen selbst, sondern auch diejenigen ihrer Angehörigen verbunden. Nähern wir uns über den Einzelfall, so rückt uns das Geschehen beinahe unerträglich nahe: Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz, fachliche Ausgrenzung und gesellschaftliche Ächtung, schließlich Suizid in auswegloser Lage oder Deportation und physische Vernichtung. Mit Ihrer Tafel machen sie die Opfer der Diktatur und des Unrechts namhaft und halten die Erinnerung an sie wach. Dafür danken wir Ihnen ausdrücklich.

Es ist der Charité eine Ehre und eine Verpflichtung, dem Gedenken an die verfolgten Dermatologinnen und Dermatologen einen Platz zu geben. Gleichzeitig sind wir ihnen sehr verbunden für das Vertrauen, das Sie uns entgegenbringen, indem Sie die Klinik für Dermatologie als Erinnerungsort gewählt haben.

Sie unterstützen damit einen Prozess der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit an der Charité, den wir bereits vor einigen Jahren eingeleitet haben und seitdem intensiv vorantreiben. Mit der Einrichtung des „GeDenkOrt.Charité“ nehmen wir eine auch öffentlich wahrnehmbare Haltung zum Thema „Wissenschaft in Verantwortung“ ein und regen die akademische Medizin in Forschung, Lehre und Krankenversorgung an, sich mit der nationalsozialistischen Geschichte der Charité auseinanderzusetzen. Hier geht es um nichts Geringeres als um die Würde des Menschen, die gestern, heute und morgen unantastbar sein sollte. Dies gilt natürlich auch und in besonderem Maße in der Medizin und in Krankenhäusern als Orte körperlicher wie emotionaler Verletzbarkeit.

Die Ereignisse und Zusammenhänge, die für die Medizin im Nationalsozialismus ein massives Versagen belegen, sind nicht nur unsere wesentliche Motivation, ein Bekenntnis zur „Wissenschaft in Verantwortung“ gegenüber der Öffentlichkeit abzulegen. Sie verpflichten uns darüber hinaus, eine kontinuierliche Auseinandersetzung unserer Studierenden und jungen Ärztinnen und Ärzte mit den Anforderungen und potentiellen Gefährdungszonen einer modernen Medizin und Naturwissenschaft anzuregen.

Wer sich seiner Vergangenheit vergewissert, tut dies um der Gegenwart und der Zukunft willen. Der „GeDenkOrt.Charite“ soll deshalb über Rituale hinausgehen und offene, andauernde und nachhaltige Diskurse zum Thema „Wissenschaft in Verantwortung“ ermöglichen. Dazu tragen Sie mit der heutigen Veranstaltung, mit der Gedenktafel und auch mit Ihren weiteren Forschungen zu den verfolgten Mitgliedern der Gesellschaft für Dermatologie in hervorragender Weise bei. Die Begegnung mit den Betroffenen und ihren Nachfahren lehrt, dass das damalige Geschehen schmerzlich gegenwärtig geblieben ist, insofern wird die biographische Rekonstruktion der Einzelschicksale eine bleibende Aufgabe darstellen. Wir danken Ihnen für diese im Wesentlichen ja ehrenamtliche und auf persönlichem Engagement beruhende Arbeit. Wir danken aber auch der DDG für ihre Unterstützung und Bereitschaft, an der Last mitzutragen.

Berlin im April 2019

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Karl Max Einhäupl

In einem weiteren Grußwort bedankte sich der Direktor der Universitätshautklink, Herr Prof. Kamran Ghoreschi, für das Zusammenwirken von DDG, AGDV und der Charité Universitätsmedizin bei diesem Projekt. Er betonte, dass heute eine große Zahl von Menschen unterschiedlichster Religions- und Staatsangehörigkeiten fruchtbar zum Wohle der Patienten zusammenarbeiten. Der bekannte Medizinhistoriker und langjährige Direktor der Universitätshautklinik München, Herr Prof. Gerd Plewig, betonte die Notwendigkeit, das Thema nicht aus der Aufmerksamkeit zu verlieren. Er wies auf die Literatur hin, in der die Einzelschicksale und die dermatologische Medizingeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus vortrefflich aufgearbeitet nachlesbar sind. Abschließend führte Dr. Wendt aus, dass mit der Gedenktafel an die Würde  und Identität der Opfer erinnert werden soll. In seiner Rede heißt es:“ Sie sprachen die gleiche Sprache, sie übten den gleichen Beruf aus, sie waren am Fortschritt der Medizin beteiligt, sie behandelten Kranke jeden Glaubens, sie haben sich für unser Gemeinwesen eingesetzt. Und trotzdem wurden sie ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben und ermordet.“

Nach den Ansprachen wurden alle 68 Namen auf der Gedenktafel von Mitgliedern der AGDV verlesen. Für viele Teilnehmer war dies der emotionale Höhepunkt der Veranstaltung.


  • Gedenktafel für die von den Nationalsozialisten ermordeten oder in den Suizid getriebenen jüdischen Dermatologinnen und Dermatologen aus Deutschland in der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité – Universitätsmedizin Berl

    Gedenktafel für die von den Nationalsozialisten ermordeten oder in den Suizid getriebenen jüdischen Dermatologinnen und Dermatologen aus Deutschland in der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der CharitéUniversitätsmedizin Berlin Bild /