Arnold Strauss

Arnold Ferdinand Strauss (Barmen 9.9.1902 – 6.11.1965 Norfolk, Virginia/USA), seit 1.11.1929 Assistenzarzt am Pathologischen Institut der Charité, wurde am 28. März 1933 zum 30. Juni 1933 gekündigt.

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Unsere Kurzbiographie beruht auf dem Familienarchiv, dem Archiv der Humboldt Universität Berlin sowie auf Erinnerungen seiner Tochter, Rechtsanwältin in Boston. Strauss hatte ihr viele Geschichten aus der Vergangenheit der Familie erzählt, an drei davon aus der Berliner Zeit sei hier erinnert. Die unauslöschlichste war seine Beschreibung der langen Arbeitsstunden in der Charité, unterbrochen nur von sehr kurzen Mahlzeiten im nächsten Restaurant, wo der ihm befreundete Kellner ihm jeweils sofort das schon von einem anderen Gast bestellte Essen brachte, um schnell zurück zur Arbeit eilen zu können. Er erinnerte sich an Privilegien wie den Besuch der Premierenfeier des Films Der blaue Engel, bei dem Marlene Dietrich auf dem Klavier hingestreckt gesungen hatte, sowie seine Bohème-Existenz mit Freunden wie dem Künstler Heinrich Kleiser, dem Stückeschreiber Berthold Brecht und dem Komponisten Kurt Weill.

Strauss gehörte in dritter Generation einer Arztfamilie an. Sein Vater, Dr. Arthur Alexander Strauss, war Facharzt für Hautkrankheiten in Barmen und ein Vetter der Dichterin Else Lasker-Schüler. Seine Mutter, geborene Lucy Hertz, war eine Kousine des Physikers Heinrich Hertz. Beide Eltern waren aktive Mitglieder der Lutherischen Kirche Barmen (ab 1929 Wuppertal-Barmen), enthusiastische Kunstliebhaber und Sammler u.a. deutscher Expressionisten sowie klassischer und mittelalterlicher Skulpturen.

Arnold Strauss studierte Medizin in Freiburg, Basel und Bonn (Staatsexamen 1927). Er promovierte mit einer Arbeit über „Die akute posthämorrhagische Milzschwellung“ bei Prof. Dr. R. Rössle in Basel und wurde dort bereits ab 1928 Assistent. Als Rössle 1929 nach Berlin berufen wurde, folgte Strauss ihm. Mit Einverständnis Rössles bildete er sich in der Medizinischen Poliklinik Hamburg sowie an der chemischen und bakteriologischen Abteilung fort. Im Februar 1933 schlug Rössle zum 1.4.1933 seine Ernennung zum Oberassistenten vor. Sie wurde am 23.3.1933 vom Ministerium abgelehnt. Wenige Tage später erhielt er die Kündigung von der Charité-Leitung - zunächst ohne Zustimmung seines Chefs. Die Charité-Leitung folgte hier offenbar bereits den vom Ministerium angeordneten „Sofortmaßnahmen“ noch bevor das Berufsbeamtengesetz vom 7.4.1933 mit seinem § 3 in Kraft trat, der die Entlassung von Personen „nicht arischer“ Abstammung, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, anordnete. Rössle riet ihm, Deutschland zu verlassen.

Aufgrund der Aussichtslosigkeit, eine Stelle zur ärztlichen Weiterbildung zu finden, arbeitete er ab August 1933 in Den Haag und ab Frühjahr 1934 in Florenz, wohin er auf Rössles Empfehlung gekommen war. Im April 1935 erhielt er ein Angebot aus Mailand, verließ aber im August 1935 Europa und nahm eine Stelle als einziger Pathologe an einem kleinen Krankenhaus in Montgomery, West Virginia/USA an. In einem Jahr lernte er englisch und wechselte dann zum wachsenden DePaul Hospital in Norfolk, Virginia, wo er 29 Jahre als Chefpathologe wirkte. Mit seinem Kollegen Robert J. Faulconer führte er auch eine eigene Praxis mit Laboratorium. Gleichzeitig war Strauss Associate Professor of Pathology des Medical College of Virginia, Konsularius des Leitenden Rechtsmediziners von Virginia sowie zahlreicher Militärkrankenhäuser, außerdem Autor von neunzehn Beiträgen medizinischer Fachzeitschriften.

Von 1933 bis 1940 betrachtete sich Strauss als Verlobter der Schriftstellerin Irmgard Keun (1905-1982), die wegen ihres Publikationsverbots in Deutschland nach Holland emigriert war. Eine Auswahl ihrer 271 Briefe an ihn wurde inzwischen publiziert: Irmgard Keun, Ich lebe in einem Wirbel, hrsg. v. Gabriele Kreis und Marjory S. Strauss. Claassen Verlag, Düsseldorf 1988. Er bemühte sich um Ausreisevisa für sie sowie seine Eltern von 1938 bis 1940, als sie unter falschem Namen nach Deutschland zurückkehrte und seine Eltern sich in Den Haag das Leben nahmen.

1941 heiratete Strauss Marjory Spindle (1916-1994), eine Pianistin und Kunsthistorikerin. Er unterstütze ihre Anstrengungen als Menschenrechtsaktivistin und trat vor den gesetzgebenden Organen Virginias für den Widerruf eines Gesetzes auf, nach dem die Trennung von Blutkonserven nach der Rasse der Spender verlangt wurde.

Strauss war ein großer Liebhaber der Künste. Schon als Student hatte er begonnen, Daumier-Drucke zu sammeln, über die er am Norfolk Museum of Arts and Sciences (heute: Chrysler Museum) Vorträge hielt. Eine versierte Kammermusikgruppe spielte regelmäßig in seinem Haus. Jeden Sommer der letzten zwölf Jahre seines Lebens besuchte er Peru, wohin Kleiser 1933 emigriert war, und erwarb eine der am breitesten gefächerten Sammlungen peruanischer Prä-Columbianischer Kunst der USA. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1994 erhielt das Chrysler Museum Gemälde von Paula Modersohn-Becker und Christian Rohlfs aus der Sammlung seiner Eltern.

(Text: Udo Schagen und Margaret S. Travers, Fassung 24.05.2017)