Esther Eugenie Klee-Rawidowicz

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Simon and Esther Rawidowicz Archive © Benjamin Ravid, Newton Centre / Mass. (USA)
Simon and Esther Rawidowicz Archive © Benjamin Ravid, Newton Centre / Mass. (USA)

Esther Eugenie Klee-Rawidowicz (Bonn 1900 - 1980 Waltham/USA) studierte Zoologie, Botanik und allgemeine Biologie. Sie wurde 1925 in Münster promoviert und kam im gleichen Jahr als Assistentin an Rhoda Erdmanns Berliner Abteilung für experimentelle Zellforschung. 1927 wechselte Klee-Rawidowicz zu Ferdinand Blumenthal an das Universitätsinstitut für Krebsforschung an der Charité und etablierte ein Labor für Gewebezüchtung, das 1929 zur Abteilung unter ihrer Leitung wurde. Sie befasste sich mit dem Wachstum, der Morphologie und den Eigenschaften von Tumorzellen in in-vitro-Kulturen und forschte nach Faktoren, die eine maligne Zellproliferation vermitteln. Sie untersuchte die Wirkung der Radiumbestrahlung auf Gewebekulturen und arbeitete über die kanzerogene Wirkung von Teer. 1926 hatte sie den jüdischen Gelehrten und Literaten Simon Rawidowicz (1897-1957) geheiratet. Gemeinsam mit Rhoda Erdmann verfasste Klee-Rawidowicz 1927 im Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden von Emil Abderhalden den Beitrag über Kaltblüter-Gewebe. In den folgenden Jahren publizierte sie insbesondere mit dem Hämatologen Hans Hirschfeld und dem Laborchemiker Arthur Lasnitzki ihre Forschungsergebnisse in der Zeitschrift für Krebsforschung. In Anerkennung ihrer Arbeiten auf dem Gebiet der Krebsforschung wurde Klee-Rawidowicz 1930 zum Mitglied des Deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit gewählt.

Als Jüdin erhielt sie bereits am 28. März 1933 durch ein Schreiben der Charité-Direktion die Kündigung ihres Beschäftigungsverhältnisses zum 30. September 1933. Klee-Rawidowicz emigrierte im gleichen Jahr gemeinsam mit ihrem Ehemann nach London. Dort war sie zunächst bei dem Biologen Julian S. Huxley am King's College in Kooperation mit Ernest Kennaway vom Cancer Research Institute tätig. Die Vertreibung aus Deutschland bedeutete eine tiefgehende Zäsur für ihre frühere Forschungsarbeit in Berlin; publiziert hat Esther Eugenie Klee-Rawidowicz nach 1933 nicht mehr. 1948 folgte sie ihrem Ehemann in die USA nach Chicago und später nach Waltham/Massachusetts. Dort konnte sie ihre ärztlich-wissenschaftliche Karriere nicht weiter fortsetzen.

Ihr Ehemann Simon Rawidowicz bildete seit 1919 in Berlin den Mittelpunkt eines aktiven Intellektuellenkreises, in dem die hebräische Sprache und Literatur gepflegt wurden. Er selbst unterrichtete an einer Schule für Hebräische Sprache. Dort lernte er Esther Eugenie Klee kennen. Aufmerksamkeit erregte Rawidowicz mit seinen Studien zur Philosophie Ludwig Feuerbachs sowie mit seinen Beiträgen zur mittelalterlichen und neuzeitlichen jüdischen Geistesgeschichte. Bekannt wurde er ferner durch seine Beiträge über Maimonides und durch die Herausgabe der Schriften Moses Mendelssohns zum Judentum. 1948 wurde Simon Rawidowicz aus England an das Chicago College of Jewish Studies berufen, von wo er 1951 an das Department of Near Eastern and Judaic Studies, Brandeis University/Waltham, Mass., wechselte. Der 1936 geborene Sohn Benjamin Ravid ist Professor emeritus für mittelalterliche und frühe neuzeitliche jüdische Geschichte an der Brandeis Universität in Waltham.

Ihr Vater Alfred Klee, Rechtsanwalt und führender deutscher Zionist, floh 1938 nach Holland. Er wurde 1943 in das Lager Westerbork deportiert und starb dort im gleichen Jahr. Ihre Mutter Therese Klee starb im KZ Bergen-Belsen im März 1945.

Text: Harro Jenss, 2015