Hans Pollnow

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Portrait Hans Pollnow, © Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv
Portrait Hans Pollnow, © CharitéUniversitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Am 21. Oktober 1943 wurde Jean Pollnow, Häftling des Konzentrationslagers Mauthausen mit der Nummer 34598, „auf der Flucht erschossen“. Der von seinen Mördern als „französischer Jude“ bezeichnete Mann war 41 Jahre alt; es handelte sich um den am 7. März 1902 in Königsberg geborenen Hans Pollnow.

Dessen Vater, der angesehene Augenarzt Leo Pollnow war ab 1908 Vorsitzender der Königsberger Ortsgruppe und ab 1911 des ostpreußischen Landesverbandes des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.

Nach dem Abitur am Königsberger Friedrichs Kollegium 1920 begann Hans Pollnow Philosophie und Medizin zu studieren, zunächst in München, dann in Heidelberg, wo er das Seminar von Karl Jaspers besuchte. Vermutlich in Heidelberg lernte er, der in Jaspers’ späterer Erinnerung als „ein ungemein kindlicher Jüngling, mager mit leuchtenden Augen“ beschrieben wird, die fünf Jahre ältere Lucie Ney kennen. Sie hatte bereits 1920 mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit in Frankfurt promoviert. Noch 1921 heirateten die beiden und Lucie Pollnow begann ein Medizinstudium. Die jungen Eheleute blieben in Heidelberg, wo Hans Pollnow Ostern 1923 die ärztliche Vorprüfung bestand.

An der Albertus-Universität Königsberg beendete Hans Pollnow zunächst sein Philosophiestudium. Gerade 23jährig promovierte er 1925 mit einer Dissertation zum Thema „Beiträge zur Geschichte und Logik der Ausdrucksdeutung“ zum Dr. phil. Im Sommer 1926 bestand Hans Pollnow, wie auch seine Frau, das medizinische Staatsexamen. Danach übersiedelte er nach Berlin. Am 1. Mai 1927 trat seine Frau eine Stelle als Medizinalpraktikantin an der Bonhoefferschen Nervenpoliklinik an. Doch nach einer Ehekrise ließen sich Hans und Lucie Pollnow scheiden.

Sein praktisches Jahr absolvierte Hans Pollnow an der II. Medizinischen Klinik der Charité unter Friedrich Kraus und an der I. Medizinischen Klinik unter Wilhelm His. Zeitgleich mit seiner Approbation am 10. Dezember 1927 begann er eine Tätigkeit als Volontär-Assistent an der Psychiatrischen und Nervenklinik. Nach Abschluss seiner neurologisch-psychiatrische Fachausbildung und der medizinischen Promotion 1929 zum Thema „Zur Psychotherapie des Asthma Bronchiale“ blieb Hans Pollnow an der Bonhoeffer-Klinik. Die Publikationen aus dieser Zeit belegen seine umfassende Kenntnis der aktuellen Entwicklungen in der Psychiatrie und Psychotherapie ebenso, wie die Fähigkeit zur philosophischen Durchdringung naturwissenschaftlich-medizinischer Probleme.

Sein besonderes Interesse fand jedoch das Gebiet der Psychopathologie von Kindern und Jugendlichen. Etwa ab April 1930 arbeitete Hans Pollnow für ein Jahr als Stationsarzt der Kinderbeobachtungsstation. Seine intensive kinderpsychiatrische Betätigung führte zu einem gemeinsamen wissenschaftlichen Projekt über „hyperkinetische Zustandsbilder im Kindesalter“ mit Franz Kramer. Gemeinsam arbeiteten sie an der 1932 erschienenen Studie „Über eine hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“. Hier wurde erstmals ein Symptomenkomplex als eigenes Krankheitsbild bei Kindern abgegrenzt, in dessen Zentrum Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulskontrollstörung standen. Er fand als Kramer-Pollnow-Syndrom Eingang in die Psychiatrie und gilt heute als früher „Bezugspunkt für das wissenschaftliche Konzept der […] als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“.

Bonhoeffer versuchte, den jungen Arzt an seiner Klinik zu halten und beantragte eine „freie außerplanmäßige Assistentenstelle“ für ihn. Die politischen Verhältnisse führten dazu, dass Hans Pollnow die Stelle nicht wie geplant bis zum 30. April 1933 begleiten konnte. Die Charité-Leitung fügte sich widerstandslos der Anordnung des preußischen Kultusministeriums und dem Druck nationalsozialistischer Organisationen und entließ zum 31. März 1933, noch vor Inkrafttreten des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ihre jüdischen Angestellten, darunter auch Pollnow. Ohne zu zögern emigrierte er Anfang Mai 1933 nach Frankreich. In Paris konnte Hans Pollnow, nicht zuletzt wegen seiner wissenschaftlichen Qualifikation, seiner hervorragenden Französischkenntnisse und auf Grund von Empfehlungen Bonhoeffers relativ schnell wieder „in psychiatrischen und vor allem kinderpsychopathologischen Institutionen“ arbeiten. Als wissenschaftlicher Assistent Minkowskis – ärztliche Tätigkeit war ihm wegen der fehlenden französischen Approbation verboten – war er für ein kleines monatliches Gehalt an einem „Beobachtungs- und Heilerziehungsheim für schwierige Kinder“ tätig. Weitere Einnahmequellen erschloss er sich teils durch Schreibmaschinenarbeiten und Vorlesungen über die Entwicklung der Kinderpsychologie am Institut für Wissenschaftsgeschichte der Sorbonne. Spätestens ab 1936/37 publizierte Pollnow wissenschaftliche Arbeiten sowohl psychiatrischen als auch philosophischen Inhalts auf Französisch, so u.a. Übersetzungen von Jaspers. Nach vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges heiratete er seine zweite Frau, Louise und nahm die französische Staatsbürgerschaft an.

Pollnow engagierte sich im jüdischen Kinderhilfswerk, das seit 1933 seinen Sitz in Paris hatte, besonders für traumatisierte jüdische Kinder die nach der Reichsprogromnacht aus Deutschland und Österreich ohne ihre Eltern nach Frankreich geflohen waren.

Pollnow hatte zunächst in der französischen Armee gegen den deutschen Einmarsch gekämpft und war nach der militärischen Niederlage 1940 demobilisiert worden. Ein Angebot, nach Amerika zu fliehen, lehnte er ab, da er „nicht aus Frankreich desertieren“ wollte.

Im Februar 1943 wurde Hans Pollnow in der Pyrenäenstadt Pau verhaftet, wo er einen Freund besuchte, der in der Widerstandsbewegung aktiv war. Über verschiedene Internierungslager in Frankreich und Deutschland kam er am 27. August 1943 schließlich in das Konzentrationslager Mauthausen. Am 21. Oktober 1943 endete das Leben Hans Pollnows unter den Schüssen seiner deutschen Bewacher.

(© Text: Rainer Herrn, Institut für Geschichte der Medizin der Charité)