Herta Seidemann

Sie befinden sich hier:

Portrait Herta Seidemann, © Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv
Portrait Herta Seidemann, © CharitéUniversitätsmedizin Berlin, Institut für Geschichte der Medizin, Bildarchiv

Herta Seidemann wurde 1900 in Breslau als sechstes Kind des mittelständischen Kaufmannsehepaars Max und Luise Rosenthal, geboren. Ihren Vater beschrieb sie als Typ des orthodoxen „jüdischen Gelehrten“, dessen Bildungsdrang sie als einzige unter den sieben Geschwistern zum Studium motivierte. Das Abitur bestand sie auf dem Mädchengymnasium 1918 mit Auszeichnung. Obwohl sie sich stark für Philosophie, Geschichte und Architektur interessierte, studierte Seidemann Medizin in ihrer Heimatstadt. Für die klinischen Semester entschied sie sich für die Psychiatrie unter dem Westphal-Schüler Robert Wollenberg, der Seidemann zur analytischen Ausbildung angeregt haben soll. Bei ihm promovierte sie 1925 mit einer „Zusammenstellung von Methoden, Merkfähigkeitsstörungen festzustellen, bes. Gedächtnisstörungen für jüngste Ereignisse“. Auf Wollenbergs Rat ging sie nach Heidelberg ans Sanatorium von Frieda Reichmann und Erich Fromm, um die Psychoanalyse zu erlernen. Die übernahm hauptsächlich deren psychiatrischer Mitarbeiter August Homburger – ein Spezialist für „verwahrloste und psychopathische Jugendliche“, dem Seidemann ihr Leben lang freundschaftlich verbunden blieb.

Mit einem Empfehlungsschreiben Wollenbergs ging sie 1927 nach Berlin, um sich gleichzeitig am Berliner Psychoanalytischen Institut ausbilden zu lassen – und zwar bei Hanns Sachs – und an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité unter Bonhoeffer zu arbeiten, die nach ihrem Bekunden „zum Besten [gehörte], was es in diesem Fach auf der Welt gab“. Mit Bonhoeffer verband sie bis zu ihrem Tod, wie ihre Biografin Wenda Focke schreibt, ein freundschaftliches „nahezu devote[s] Vertrauen.“ An der Charité arbeitete sie besonders eng mit Hans Scheller an „hirnpathologischen und -neurologischen Krankheitsbildern und -fällen“, woraus eine 1932 veröffentlichte hundertseitige Arbeit über „Dyslexie“ hervorging. Mit diesem Thema wollte sie sich habilitieren, was jedoch mit der Machtübernahme 1933 unmöglich geworden war.

Mit einem Empfehlungsschreiben Bonhoeffers kam Seidemann in der Schweiz. Dort arbeitete sie unter Carl Alfred Meier am nach wie vor psychoanalysefreundlichen Burghölzli, nun aber eher Jungianscher Ausrichtung, mit der auch Seidemann sympathisierte. Als ihre Arbeitserlaubnis 1936 nicht verlängert wurde, erfolgte die Ausweisung. Über die zwei folgenden Berliner Jahre bis 1938, als sie auf der „Queen Mary“ nach New York floh, liegen kaum Angaben vor, möglicherweise hat ihr Bonhoeffer geholfen unterzutauchen. Herta Seidemann musste in den USA ihr medizinisches Examen erneut ablegen, Empfehlungen von Hanns Sachs und Karl Bonhoeffer verhalfen ihr zunächst zu einer Stelle am Montefori-Hospital bei dem ebenfalls aus Deutschland emigrierten Neurologen Kurt Goldstein. Ab 1942 arbeitete sie durch Vermittlung Erich Fromms mit der Psychoanalytikerin Karen Horney – sie hatte bereits 1914 bei Bonhoeffer promoviert – nicht ohne Konflikte aufgrund unterschiedlicher analytischer Ausrichtungen zusammen. 1943 erhielt Herta Seidemann die amerikanische Staatsbürgerschaft, zu diesem Zeitpunkt wurden ihre Mutter und Schwester nach Auschwitz deportiert. Später eröffnete sie eine eigene Praxis in New York. Herta Seidemann starb am 21. März 1984.

Gestatten Sie mir zum Schluss noch einen Hinweis. Die hier präsentierte Porträtgalerie verstehen wir als „work in progress“. In den nächsten Jahren soll an dieser Stelle auch an nicht-ärztliche Mitarbeiter, also Schwestern und Pfleger sowie Patientinnen und Patienten mit ihren Schicksalen in der NS-Zeit erinnert werden. Doch dazu sind zunächst intensive Forschungsarbeiten zu leisten.

(© Text: Rainer Herrn, Institut für Geschichte der Medizin der Charité)