Ismar Boas

  • Erster Spezialarzt für Magen-Darm-Krankheiten

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Portrait-Bild von Ismar Boas um 1925
Ismar Boas um 1925 | © Privatsammlung Harro Jenss

Es war ein kühner Schritt: Ein 28-jähriger Arzt eröffnet 1886 in der Berliner Friedrichstraße 10 eine Praxis sowie ein Ambulatorium mit eigenem Labor; er bringt ein Schild an und schreibt darauf: "Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten".

Die Aktion war umstritten. Die damaligen Autoritäten befürchteten eine Zersplitterung der Inneren Medizin und beschworen deren Einheit. Boas' Mentor, Carl Anton Ewald, der sich selbst frühzeitig mit den Verdauungskrankheiten beschäftigt hatte, lehnte dessen Weg zunächst vehement ab. Das neue Fach entstand - weltweit - mit Boasʼ Berliner Initiative. Der  Begriff "Gastroenterologie" taucht erst  zehn Jahre später, 1896 in einer kleinen Mitteilung John C. Hemmeters im Archiv für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten auf. 

Geboren 1858 in einem kleinen Ort im früheren Posen/Westpreußen in einer jüdischen Familie begann Boas nach dem Abitur an der Berliner Universität das Medizinstudium. Dort – angeregt durch die Vorlesungen Carl Anton Ewalds – interessierten ihn frühzeitig Fragen der Verdauungsphysiologie und -pathologie. Boas studierte in einer Zeit Medizin, in der sich ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Medizin vollzog. Nicht mehr die Phänomenologie der Krankheiten stand im Vordergrund; vielmehr wurde nach Pathomechanismen und nach der Funktion der Organe gefragt. Ewald vertrat als Schüler Th. F. v. Frerichs an der Medizinischen Klinik der Charité die Berliner Schule, die - streng naturwissenschaftlich orientiert - die Erkenntnisse der Grundlagenfächer wie Chemie, Physik, Physiologie und Physiologischer Chemie in der medizinischen Forschung anwandte. 

Buchtitel Ismar Boas wissenschaftskritische Schrift "Therapie und Therapeutik", 1930, © Privatsammlung Harro Jenss
Wissenschaftskritische Schrift "Therapie und Therapeutik", 1930, © Privatsammlung Harro Jenss

Boas setzte sein Studium in Halle bei Theodor Weber fort und wurde mit einer Arbeit über die Hämoglobinurie promoviert. Nebenher verbesserte er seine materielle Situation durch Korrekturlesen medizinischer Arbeiten für Fachzeitschriften. In Leipzig legte er das Staatsexamen ab und ließ sich unmittelbar danach in Berlin in einem südlichen Außenbezirk zunächst als praktischer Arzt nieder.  Er nahm wieder Kontakt mit Ewald auf, arbeitete neben seiner Praxistätigkeit zwischen 1882 und 1886 in dessen Labor über die Magenphysiologie und inaugurierte das Ewald – Boas'sche Probefrühstück zur Standardisierung der Sekretionsanalyse des Magens. Gemeinsam mit Ewald erschien 1885 in Virchows Archiv die damals grundlegende Arbeit "Untersuchungen über die Physiologie und Pathologie der Verdauung". Diese Arbeiten, so Boas, "legten mir den Gedanken nahe, mich allmählich ganz dem Studium der Verdauungskrankheiten" zu widmen. Boas, der keine Klinikausbildung absolviert hatte und das Grundlagenwissen im Selbststudium erwarb, war Außenseiter.  Unabhängig, kritisch denkend und keiner Tradition verpflichtet vermochte er zu einem sehr frühen Zeitpunkt den Schritt in die Spezialisierung zu vollziehen. Er realisierte damit jene Differenzierung der Wissenschaften, wie sie am Ende des 19. Jahrhunderts für viele Bereiche kennzeichnend war. Er antizipierte zudem eine Entwicklung, die 38 Jahre später, 1924, mit der Einführung des Facharztes für Magen-Darmkrankheiten eine Bestätigung fand.

Abbildung: Buchtitel Ismar Boas Lehrbuch Magenkrankheiten 3. Aufl. 1897, 1. Aufl. 1890
Lehrbuch Magenkrankheiten, 1890, © Privatsammlung Harro Jenss
Buchtitel Ismar Boas "Lehre von den okkulten Blutungen", 1911, © Privatsammlung Harro Jenss
"Die Lehre von den okkulten Blutungen", 1911, © Privatsammlung Harro Jenss

Neben seiner Forschertätigkeit und umfangreichen Praxis leistete Boas in Berlin eine ausgedehnte Fortbildungsarbeit in dem neuen Fachgebiet. Bis 1906 haben etwa 1.000 in- und ausländische Ärzte an seinen Kursen  teilgenommen. 1910 gab es in Deutschland bereits 214   Spezialärzte für Magen-Darm-Krankheiten.

Die wissenschaftliche und organisatorische Weiterentwicklung des Spezialfaches wurde in jenen Jahren wesentlich von Boas beeinflusst. Er begründete 1895/96 die erste gastroenterologische Fachzeitschrift, das Archiv für Verdauungskrankheiten unter Einschluss der Stoffwechselpathologie und der Diätetik, das rasch großes nationales und internationales Ansehen erlangte. Als Mitherausgeber hatte er aktiv arbeitende Forscher gewonnen, das Gremium war international zusammengesetzt.

1890 erschien Boas' Lehrbuch über "Allgemeine Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten", das viele Auflagen erlebte und in das Englische übersetzt wurde. Später folgte ein Lehrbuch über Darmkrankheiten. Wissenschaftlich bedeutsam sind seine Publikationen über den Nachweis okkulten Blutes im Stuhl, zumal damit eine Früherkennungsmöglichkeit für Tumorerkrankungen des Gastrointestinaltraktes geschaffen wurde. Seine Lehre von den okkulten Blutungen erschien 1911. Boas hat vielfältig zum Magenulcus und zum Magencarcinom gearbeitet. Den Begriff der Colitis ulcerosa hat er in Deutschland  eingeführt. Neben der Röntgendiagnostik hat er frühzeitig das Potential endoskopischer Untersuchungen erkannt.

Boas gehörte zu den entscheidenden Initiatoren der 1. Tagung über Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und damit zur Begründung der Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten 1913, der heutigen DGVS. Hohes wissenschaftliches Niveau, Interdisziplinarität und Internationalität waren dabei seine Ziele. Boas wurde wegen seiner Verdienste für die Gastroenterologie 1910 Ehrenmitglied der American Gastroenterological Association. In Berlin wurde ihm der Titel eines Titularprofessors verliehen.

1909 und 1930 hat er sich wissenschaftskritisch in seinen "Grundlinien der therapeutischen Methodik in der Inneren Medizin" sowie in "Therapie und Therapeutik" mit der Medizin seiner Zeit auseinandergesetzt. U. a. forderte er unabhängige Institute zur Arzneimittelbewertung und hat frühzeitig Prinzipien der evidenzbasierten Medizin vertreten. 

1933 bedeutete den Bruch seiner Tätigkeit und seines bisherigen Lebens. Durch das NS - Schriftleitergesetz vom Oktober 1933 gezwungen, musste Boas seine Arbeit für das Archiv beenden. 1936 emigrierte er mit seiner Ehefrau nach Wien, unterstützt von der Rockefeller Stiftung und seinem Schüler Walter Zweig. 1938 nahm sich Ismar Boas nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich selbst das Leben. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee in Berlin. Seine Ehefrau Sophie Boas emigrierte 1938 nach Holland; im März 1943 wurde sie in das Todeslager Sobibor deportiert und ermordet. Eine Tochter konnte im Januar 1939 in die USA fliehen. Ein Sohn, Hautarzt in Sachsen, war wegen seiner jüdischen Herkunft 1935 und 1936 im KZ Sachsenburg bei Chemnitz inhaftiert, seine Spur verliert sich 1938, vermutlich ist er nach Kolumbien emigriert.

Franz Werfel hat in seinem Monodrama "Der Arzt von Wien" Boas ein literarisches Denkmal gesetzt, in dessen Mittelpunkt ein fiktiver Dialog zwischen Ismar Boas und Hermann Nothnagel über den Antisemitismus steht; während durch ein Fenster Sieg – Heil – Rufe zu hören sind und Wien von den Nationalsozialisten besetzt wird, fragt Boas: "Der Hass… Warum dieser Hass…? Was haben wir euch getan?"

(Vortrag anlässlich der Wiederaufhängung der Ismar-Boas-Gedenktafel in der Medizinischen Klinik, Schwerpunkt Gastroenterologie und Hepatologie, Campus Charité Mitte, Virchowweg 10, am 15. Mai 2013: Harro Jenss)

Literatur

  • Kleeberg J., Zur 100. Wiederkehr des Geburtsjahres von Professor Dr. I. Boas (Berlin). Gastroenterologia 1958; 89: 359–363.
  • Eichmann A.  Ismar Boas (1858–1938) und die Entwicklung der Gastroenterologie als Spezialfach. Med. Diss., Zürich 1970.
  • Hoenig L. J., Boyle J. D., The life and death of Ismar Boas. J Clin Gastroenterol 1988; 10: 16–24.
  • Teichmann W., Ismar Boas, eine biographische Skizze. Freiburg 1992.
  • Jenss H., Ismar Boas. Erster Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten. Begründer der Gastroenterologie. Jüdische Miniaturen, Band 96. Berlin 2010.

Dr. med. Harro Jenss

  • Medizinstudium in Marburg/L. und London
  • 1977 bis 1993: Medizinische Universitätsklinik I der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Internist und Gastroenterologe
  • 1994 bis 2011: Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin am Spital Waldshut/Südbaden
  • langjährige Beschäftigung mit der Geschichte der Gastroenterologie

Fundstücke

Brief Ismar Boas vom April 1933 an die Jüdische Gemeinde, um bei der Beerdigung L. Aklans Gedenkworte sprechen zu dürfen.
Brief an die Jüdische Gemeinde, April 1933,
© Privatbesitz David Alkan, Karmei Yosef, Israel.

Beitrag Deutschlandradio Kultur vom 07.06.2013: "Der Handstreich des Ismar Boas"