Liselotte Berla, geb. Paradis

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Lapidarer kann die Vernichtung der beruflichen Existenz nicht formuliert werden als hier durch den ausgeprägten Antisemiten und bedeutenden, auch nach dem Krieg weiter einflussreichen, Hämatologen Viktor Schilling (1883-1960).“ © Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin, I A 4.

Liselotte Paradis wurde am 25. September 1907 in Berlin als Tochter des Arztes Dr. med. Abraham Paradis und der Hausfrau Helene Paradis geboren. Abraham Paradis war Mitglied der jüdischen Gemeinde. Er verlor zum 1. Oktober 1938 seine Approbation als Arzt. Als sogenannter Krankenbehandler durfte er fortan nur noch jüdische Patienten betreuen und versorgte seine Glaubensgenossen in zehn jüdischen Altersheimen und einem jüdischen Taubstummenheim ehrenamtlich. Helene Paradis galt nach den Nürnberger Gesetzen als arisch. Bevor sie heiratete, arbeitete sie als Krankenschwester in Magdeburg im Krankenhaus Bethanien. Die Ehe der Eltern von Liselotte Paradis galt als Mischehe.

Über ihre Kindheit und Schulzeit ist bekannt, dass sie von 1914 bis 1924 das Richard-Wagner-Lyzeum in Berlin-Pankow besuchte. Zwei Jahre später begann sie ihre Ausbildung zur technischen Assistentin am Berliner Lette-Verein. Diese beinhaltete u.a. die Vermittlung von Kenntnissen in der klinischen Chemie, der Röntgenologie und der mikroskopisch-anatomischen Technik. Ihre Ausbildung war der Grundstein für das Berufsbild der Medizinisch-Technischen Assistentin (MTA). 1895 hatte Conrad Röntgen die X-Strahlen entdeckt und damit die Medizin revolutioniert. Die Röntgenphotographie wurde Lehrfach an der 1890 gegründeten photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins in Berlin. 1897 verließ Paula Chelius als erste ausgebildete Röntgenfotografin den Lette-Verein. 1921 erfolgte der Erlass zu den „Vorschriften für die staatliche Prüfung von Technischen Assistentinnen an medizinischen Instituten“.

Liselotte Paradis schloss ihre Ausbildung zur technischen Assistentin 1928 erfolgreich ab. Nach einer halbjährigen Volontärzeit am Werner-Siemens-Institut für Röntgenforschung im Krankenhaus Moabit wechselte sie am 1. April 1929 an die erste Medizinische Klinik der Charité und arbeitete bis zum 1. Mai 1933 in der Poliklinik. Unmittelbar nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, wurde sie aus rassistischen Gründen von Prof. Dr. Victor Schilling fristlos zum 30. Juni 1933 gekündigt. Dieser war stellvertretender Direktor der ersten medizinischen Klinik der Charité, bekannt als Judenhasser, und Gründer der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie.

Im Oktober 1933 emigrierte sie mit ihren späteren Mann, dem ebenfalls verfolgten Chirurgen Ernst Berla (1901-1962), nach Italien. Trotz der Gemeinsamkeiten von deutschem und italienischem Faschismus unterschied sich dieser durch seinen weniger repressiven Charakter gegenüber der jüdischen Bevölkerung bis 1938. So konnte Lieselotte Paradis vom Dezember 1933 bis August 1935 als unbezahlte Volontärin im Nationalen Institut für das Studium und die Behandlung des Krebses Viktor Emmanuel III in Mailand als Röntgenassistentin arbeiten. Sie und Ernst Berla lebten unter beengten Wohnbedingungen mit fünf Kollegen zusammen; sie führte den Haushalt und hielt die Wohnung instand.

Im September 1938 beschloss der italienische Ministerrat, alle Juden innerhalb von sechs Monaten auszuweisen.

Im selben Jahr heiratete sie Ernst Berla. 1939 wanderten sie nach Palästina aus. Der erste Aufenthaltsort war Tel Aviv. Da ihr Ehemann vier Jahre auf eine Arbeitserlaubnis warten musste, verdiente sie den Lebensunterhalt. Vom 15. Februar 1940 bis zum 15. September 1942 arbeitete sie im Röntgeninstitut Dr. P. Hirsch und Dr. Salinger - oft zehn bis zwölf Stunden am Tag, was aufgrund der klimatischen Bedingungen eine erhebliche gesundheitliche Belastung darstellte. Im Zeugnis wurde ihr bestätigt, dass sie eine erstklassige Kraft war, „die alle Techniken der Röntgenphotographie und der photographischen Hilfsarbeiten als auch der Röntgentherapie in hervorragendem Maße beherrscht“.

Nach Geburt ihrer Tochter schied sie im Juni 1943 aus dem Institut aus. Danach ging die Familie Berla nach Tiberias, wo Ernst Berla bereits seit dem 16. Oktober 1942 bis 1948 als Chirurg tätig war. Anschließend zog die Familie nach Haifa, wo Frau Berla ihren Beruf wieder ab März/April 1950 ausüben konnte.

Die Berlas gehörten zu den wenigen jüdischen Emigranten, die nach dem Ende des Nationalsozialismus wieder nach Deutschland zurückkehrten. Aufgrund des arabisch-jüdischen Krieges im Zuge der Gründung des Staates Israel, erfolgte ihre Rückkehr nach Deutschland jedoch erst 1950. Sie ließen sich in Hamm/Westfalen nieder, wo Ernst Berla als niedergelassener Arzt arbeitete. Er starb dort am 1. Februar 1962. Lieselotte Berla verstarb am 16. Oktober 1987 in Bochum.

Ihre Eltern überlebten den Nationalsozialismus. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.

(Text: Gerhard-Peter Schulz, 2015)

Fundstück

Anlage zum Antrag von Liselotte Berla vom 27.11.1957 an das Entschädigungsamt, © Entschädigungsbehörde für die Opfer des Nationalsozialismus, I A 4, Berlin